Buch – Assoziation, Rezension, Inspiration

Heu­te möch­te ich mal offen­le­gen, was mit mei­nem Kopf pas­siert, wenn ich ein gutes Buch lese – was es mit mir als Autor, nicht nur als Leser, anstellt und war­um es sich lohnt, das eine gute Buch zu suchen.

Ein neu­es Buch liegt vor mir auf dem Tisch, über das ich eine Rezen­si­on schrei­ben wer­de. Ich las­se die Fin­ger über das schmuck­lo­se Cover glei­ten und den­ke über den Titel nach: »Über­tra­ge­ne Nähe« von sara rei­chelt

Was fällt mir ein, dazu? „Über­tra­gung“, klar ein Begriff aus der Psy­cho­ana­ly­se, stammt von Sig­mund Freud – aber auch wenn ich das nicht wüss­te, wer­de ich durch den Unter­ti­tel „Aus dem See­len­le­ben eines Psy­cho­the­ra­peu­ten“ schnell auf das eigent­li­che The­ma des Buches auf­merk­sam gemacht.

War­um soll­te es eigent­li­ch kei­ne Über­tra­gung geben, zwi­schen The­ra­peut und Pati­ent – den­ke ich und ein ande­rer Begriff fällt mir ein. Das „Locard´sche Prin­zip“ Die­ses Prin­zip, das um 1910 for­mu­liert wur­de, besagt, dass kein Kon­takt zwi­schen zwei Objek­ten voll­zo­gen wer­den kann, ohne dass die­se wech­sel­sei­ti­ge Spu­ren hin­ter­las­sen. Das ist natür­li­ch ein Begriff aus der Kri­mi­na­li­stik.

Was noch? Mein Blick fällt auf das Zusatz­ma­te­ri­al, das der Ver­lag mit­ge­schickt hat. „Es geht um Spra­che“ sagt das Zitat. Es geht immer um Spra­che. Ich läch­le. Mein Stu­di­en­the­ma (Kul­tur­wis­sen­schaf­ten Literatur/​Geschichte) in die­sem Seme­ster lau­tet: Lite­ra­li­tät und Ora­li­tät.

Ehe ich also über­haupt die erste Sei­te auf­schla­ge, gibt es schon all die­se klei­nen Fäden, die das Buch in mei­nem Den­ken ver­an­kern. In mei­ner kur­zen Rezen­si­on wer­den die­se Gedan­ken nicht auf­tau­chen, jeder hat schließ­li­ch sei­ne eige­nen Asso­zia­tio­nen, sei­ne eige­nen Ver­bin­dun­gen.

Die Wid­mung auf der ersten Sei­te zieht mich schließ­li­ch bis ganz in das Buch: „Für alle Suchen­den“. Auf wen wür­de das nicht zutref­fen? Viel­leicht gibt es eini­ge, die nicht zuge­ben, Suchen­de zu sein, aber das glau­be ich nicht. Wir sind dazu geschaf­fen Din­ge zu suchen, Ant­wor­ten zu suchen und wenn es das nicht ist, dann schaf­fen wir es immer noch, Fra­gen zu suchen – Wor­auf ist die Ant­wort 42?

Und dann sit­ze ich plötz­li­ch im Zim­mer des The­ra­peu­ten, ich mit mei­nen hoch­ge­zo­ge­nen Schul­tern und der Angst, nichts zu sein. Der Ich-Erzäh­ler, der The­ra­peut, kon­zen­triert sich auf sei­ne Pati­en­ten. Ich kann mir kein Bild von ihm machen. Er macht sich Bil­der und Gedan­ken über sei­ne Besu­cher, mit denen ich mich wohl oder übel iden­ti­fi­zie­ren muss, denn das, was der The­ra­peut preis­gibt, sind alles nur Gedan­ken über sei­ne Pati­en­ten. Und so sitzt der Leser nicht im Kopf des Ich-Erzäh­lers, er sitzt vor ihm auf einem Stuhl und fühlt sich durch­schaut.

Ich bin der, der Kum­mer und Sor­gen hat, sich nicht mehr gera­de und frei machen kann und es ärgert mich, dass das ein ide­al­ty­pi­scher Dia­log ist. Ich will kein ide­al­ty­pi­scher Pati­ent sein. Selbst in mei­nem Kum­mer möch­te ich immer noch etwas Beson­de­res sein. Und ich woll­te eigent­li­ch wis­sen, was der The­ra­peut denkt. Der ide­al­ty­pi­sche The­ra­peut. Gen­au.

sara rei­chelt gibt das nur in klei­nen Häpp­chen her, irgend­wo zwi­schen den Zei­len, wie es auch pas­siert, wenn man tat­säch­li­ch in der The­ra­pie sitzt. Aber man muss gen­au auf­pas­sen und man ist so furcht­bar beschäf­tigt mit sich selbst.

Die Seil­tän­ze­rin mit den gebun­de­nen Hän­den? Bin ich das auch? Ich kann nicht auf dem Seil gehen. Ich habe es pro­biert. Es spielt kei­ne Rol­le, wie hoch das ver­damm­te Seil gespannt ist, es tut trotz­dem weh, wenn man her­un­ter fällt. Und wie bin­det man eigent­li­ch allein sei­ne Hän­de los? Und wo ist eigent­li­ch der siche­re oder feste Boden, auf dem ich blei­ben sol­len will?

Ich weiß, dass der The­ra­peut kei­ne Trick­ki­ste hat.

Ein­mal habe ich heim­li­ch eine Kiste aus dem Schrank mei­nes Vaters geöff­net, eine Schlan­ge hat sich her­aus­ge­rin­gelt. Ich war so erschrocken, dass ich eine gan­ze Wei­le gebraucht habe, um zu erken­nen, dass sie nur aus Gum­mi war.

Der Esel zwi­schen den Heu­hau­fen bin ich jeden­falls nicht und auch mit dem Allein­s­ein kom­me ich pri­ma klar. Aber ich habe mei­ne The­ra­pie auch schon abge­schlos­sen. Mein The­ra­peut ist krank gewor­den. Das hat mich irgend­wie erleich­tert. Dass die Mau­er dann doch von bei­den Sei­ten ein­ge­bro­chen ist. Ich lege das Buch hin, als ich lese, dass der The­ra­peut auch manch­mal wünscht, sei­nen Pati­en­ten auf einer ande­ren Basis ken­nen zu ler­nen, aber das ist wohl nicht mög­li­ch nach einer sol­chen The­ra­pie. Für das Buch hät­te ich mir ein biss­chen mehr Über­tra­gung gewünscht – denn irgend­et­was macht die Arbeit ja auch mit dem Hei­ler. Ist er bes­ser gewapp­net für das Leben, oder ist es noch schwe­rer für ihn? Aber so ein Buch ist das ein­fach nicht. Ich klap­pe den Lap­top auf und schrei­be die Rezen­si­on. (Das Ergeb­nis fin­det ihr hier: )

Und dann den­ke ich über das Locard’sche Prin­zip nach. Ich will einen Kri­mi schrei­ben. Am besten mit einem Psy­cho­the­ra­peu­ten, der stän­dig fremd geht und der wis­sen will, was sei­ne Pati­en­ten von ihm hal­ten. Viel­leicht ist das dann ein schlech­ter The­ra­peut, aber er ist ein Men­sch und für einen Kri­mi gewiss ein inter­es­san­ter Cha­rak­ter. Bes­ser jeden­falls als der Pati­ent. Aber dar­über kann ich ja noch nach­den­ken.

Bis dahin lesen wir uns auf alle Fäl­le noch. Eure Mir­jam

Am Wochen­en­de ist »Schrift­gut« - in Dres­den  und am Sonn­tag gibt es von 12:00 bis 13:45 Uhr einen Work­shop über krea­ti­ves Schrei­ben vom Ver­ein Lite­ra­tur­ner e.V. (am Stand der Lite­ra­tur­ner fin­det ihr mich auch am Sams­tag von 18:00 bis 20:00 Uhr und am Sonn­tag von 14:00 bis 16:00 Uhr) .

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4 Gedanken zu „Buch – Assoziation, Rezension, Inspiration“

  1. Aus­zug aus mei­nem Buch »Lies Mich«, in dem Bücher sich selbst und die Bezie­hung zu ihren Lesern reflek­tie­ren:

    WER VERÄNDERT WEN?
    Die Gedan­ken,
    die in mir zu Spra­che gewor­den sind,
    die Gedan­ken der­je­ni­gen, die mich erschaf­fen hat,
    die Gedan­ken, die sie in mich hin­ein­ge­schrie­ben hat,
    ver­än­dern die Gedan­ken des­je­ni­gen, der mich auf­nimmt,
    wobei die Gedan­ken des­je­ni­gen,
    die durch mich ver­än­dert wor­den sind,
    und die unver­än­dert geblie­be­nen Gedan­ken,
    die in mich hin­ein­ge­schrie­ben wor­den sind,
    etwas Neu­es erschaf­fen,
    das ich nicht mehr bin,
    das aber durch mich aus­ge­lö­st wor­den ist.

    Alle, die mich lesen, ver­än­dern mich und gleich­zei­tig sich selbst
    und gemein­sam wer­den wir zu etwas Neu­em,
    wor­über sich etwas Neu­es schrei­ben lie­ße.

  2. Dan­ke für den inter­es­san­ten Ein­blick in dei­ne Gedan­ken, die von mei­nem Buch »Über­tra­ge­ne Nähe« in dir aus­ge­lö­st wor­den sind. Ich kann sie nach­voll­zie­hen – zumin­dest teil­wei­se – wobei ich als Auto­rin natür­li­ch eine völ­lig ande­re Per­spek­ti­ve habe. Inter­es­sant dabei ist für mich die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den »Suchen­den« und nicht mit dem Behand­ler, was ich beim Schrei­ben nicht inten­diert habe. Ich selbst ken­ne übri­gens BEIDE Sei­ten aus eige­ner Erfah­rung 🙂

    1. Dan­ke für den Kom­men­tar. Ich fin­de es sehr ver­ständ­li­ch, dass sich der Leser mit dem »Suchen­den« iden­ti­fi­ziert.

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